(...) Nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen sich die Künstler des europäischen Informel und diejenigen des amerikanischen Abstrakten Expreßionismus auf den konkreten Gestaltungswert der Farbe. Eine breit angelegte Bewegung, die Mitte der 1960er-Jahre, als der junge Maler Peter Kuckei die Szene betrat, ihren Zenit bereits überschritten hatte. Mit beeindruckender Sicherheit und im Vertrauen auf sein maltechnisches Können löste sich Kuckei vom Abbildlichen und fand in einer offenen, jedoch farblich nuancierten Malerei sein sprichwörtlich "Weites Feld". Mag man in zahlreichen Bildern Kuckeis auch eine übergreifende Nähe zum Landschaftlichen erkennen und in diesem Zusammenhang mit gebotenem Nachdruck auf die Wetterkonstellationen an seinem unmittelbar an der Nordsee gelegenen Wohnort Butjadingen verweisen, so entziehen sich doch andere Bilder wiederum entschieden einer solchen Disposition. Was in diesem Zusammenhang vor allem zählt, ist die visuelle Ausbildung einer farblichen Präsenz, die ebenso zart wie lyrisch, rätselhaft oder mystisch oder aber ungezügelt bedrohlich sein kann. In diesem Sinne setzt Kuckei auf eine unabdingbare Nähe zwischen Malerei und Betrachter, der sich unausweichlich als Teil des Bildgeschehens empfinden muß. Doch anders als die Vorgängergeneration wartet Kuckei mit einer gleichermaßen einnehmenden wie überraschenden, weil vorab unkalkulierbaren, farblichen Differenzierung auf. Läßt er auch Farbkonstellationen zu, die nicht selten eine Brücke zur erlebten Wirklichkeit bauen, so bleibt er selbst doch entschieden auf der gegenüberliegenden, sprich der malerischen Seite.

Dabei beansprucht er selbst als Maler die Rolle eines existentiellen Garanten. In ihrer gleichermaßen konzentrierenden wie offenen und daher einsehbaren bildnerischen Anlage berühren seine Bilder die Seele des Betrachters. Eine Haltung, die weniger nach dem Auffälligen und Spektakulären Außchau hält, als daß sie auf eine fortgesetzte, stets aufs Neue zu findende, mentale Position abhebt. Deren künstlerisch auslösendes Moment verweist somit gleichermaßen auf eine als eindrücklich erlebte Malerei wie auf den bildnerisch agierenden Maler selbst, deßen innere und äußere Erlebniße und Erfahrungen einen starken visuellen Impuls auslösen. Erleben rangiert vor jedweder Vereinnahmung. Eine entschiedene Haltung in einer Zeit des permanenten gesellschaftlichen Wandels und, mit Blick auf die jüngere Kunstgeschichte, eine Position, die nicht länger auf Wiedergabe gesehener Wirklichkeit, sondern vielmehr auf deren eigenwertig im Bild erzeugte Wirkmächtigkeit setzt. In diesem Sinne zielt Kuckei in seinen Bildern auf eine Katharsis ohne Verfallsdatum, die sich an den einzelnen Betrachter wendet, und die freilich ohne die Wertschätzung der in der Malerei angelegten bildnerischen Möglichkeiten wahrscheinlich wenig überzeugend wäre. Peter Kuckei malt Bilder und keine Theorie, wenngleich die Durchschlagskraft seiner künstlerischen Arbeit immer auch die Kunstgeschichte als Ganzes voraußetzt. Kunst und sinnlich begründetes existenzielles Erleben werden zur Deckung gebracht. Abermals ein ethischer Anspruch, der auf die sich niemals erschöpfenden Potentiale der Malerei abhebt, deßen Ausformulierung hingegen im Betrachter seiner Bilder erfolgt.

Uwe Haupenthal